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Akuter Rohstoffmangel bremst die Schweizer Industrie im Frühjahr 2021

Der akute Rohstoffmangel bremst die Schweizer Industrie, generiert Lieferengpässe und erhöht die Herstellkosten

Im vergangenen Frühjahr 2020 schlossen durch die Corona-Pandemie die grössten Wirtschaftsmächte der Welt die Fabriktore und ihre Grenzen. Nach der damaligen ersten Welle und den vielen Lockdowns, startete im Spätsommer der Motor der weltweiten Industrie von vorn und der Nachschub vieler Güter konnte gewährleistet werden. Dennoch in einer zweiten Phase stieg die Nachfrage gegenüber dem Angebot verschiedenster Industriegüter weiter stark an und der Einkaufsmanager-Index der Schweiz notierte im Mai 2021 bei rund 69,9 Punkten, gemäss Statista (siehe Fig. 1). Parallel dazu sind die Einkaufspreise ebenfalls weiter angestiegen

Fig. 1: Einkaufsmanagerindex (PMI) der Industrie in der Schweiz von Dezember 2019 bis Mai 2021
Quelle: statista.com

Akuter Rohstoffmangel führt zu «Bottlenecks» in den Lieferketten

Die aktuelle Entwicklung des Rohstoffmangels wiederspeigelt sich sehr gut in den Kursen der Rohstoffe von Nickel oder Kupfer, welche über die letzen sechs bis zwölf Monaten rund 35 bis 75 Prozentpunkte gestiegen sind. Die Gründe für diese Preissteigerungen sind sehr unterschiedlich. Auf der einen Seite führte die ganze Corona-Situation vom letzen Jahr zu einem abrupten Stillstand der globalen Industrie. Dadurch wurden auf einen Schlag viele Aufträge «on hold» gesetzt und demzufolge Produktionskapazitäten heruntergefahren. Plötzliche Erfolge in der Bekämpfung der Corona-Pandemie haben in der zweiten Jahreshälfte im Jahr 2020 die Nachfrage für verschiedenste Güter explodieren lassen und Produktionsstätten sollten direkt wieder liefern. Das Problem war aber, dass viele Rohmaterialien zuvor nicht mehr bestellt, die Produktionskapazitäten heruntergefahren und die Lager geleert wurden. Nun sollte also das Gegenteil gemacht werden, direkt grossflächig Nachbestellen, um sich so gegen allfällige Preissteigerungen oder eventuelle Engpässe absichern zu können. Ein gutes Beispiel dazu liefert die Reiseindustrie. Auf der einen Seite wurde zu Beginn des globalen Lockdowns, der ganze Flugverkehr zum Stillstand gebracht. Als folge davon wurde massiv Personal abgebaut und durch die gegenwärtigen Lockerungen im Juni dieses Jahres, stieg die Nachfrage nach Flugreisen wieder sprunghaft an.

Die Darstellung der steigenden Preise durch eine hohe Nachfrage, wird am ehesten im Produzenten- und Importpreisindex (siehe Fig. 2) des Bundesamtes abgebildet. Dieser stieg im Mai um 0,8 Prozentpunkten an, dies ist im Vergleich zum letzten Jahr ein Plus von 6,4 Prozentpunkten. Dieser Vergleich stellt nun auch den stärksten Anstieg seit Juli 2018 dar. Zugleich verzeichnet China einen massiven Anstieg bei den Produktionspreisen (Producer Price Index) von rund zwei Prozentpunkten (siehe Fig. 3), welche mit einer gewissen Verzögerung ebenfalls die Herstellkosten der Schweizer Industrie beeinflussen werden. Der weiteren Entwicklung der beiden Indices sollte in der nächsten Zeit Beachtung geschenkt werden, denn steigende Rohstoff- und Produktionspreise dürften eine mögliche Inflation weiter anheizen und so Preise insgesamt für industrielle Vorprodukte verteuern.

Fig. 2: Produzenten- und Importpreisindex im Mai 2021
Quelle: Bundesamt für Statistik
Fig. 3: China – Producer Price Index (PPI)
Quelle: Moody’s Analytics

Was sind mögliche Handlungsalternativen für Unternehmen in der aktuellen Situation?

Im Normalfall haben Firmen keinen Einfluss auf die Einflussfaktoren und Ursachen für die steigenden Rohstoffpreise. Dennoch gibt es verschiedene Handlungsalternativen und unternehmenslenkende Gremien sollten der Entwicklung nicht tatenlos zusehen, sondern aktiv werden. Mögliche Handlungsalternativen sind:

  1. Der Materialeinsatz durch neue Technologien oder durch Design-to-Cost, Design-to-Manufacturing, Design-for-Assembly Ansätze optimieren. Die Industrie hat in den letzten Jahrzenten den Prozess eines jährlichen Nachverhandelns durch die Einkaufsabteilung (sog. «Price squeezing») vorangetrieben. Dieses Potenzial ist nun ausgeschöpft und das Produktdesign eines Bauteils/Baugruppe muss bestmöglich auf die Produktionscharakteristika eines Lieferanten abgestimmt sein, um nicht zusätzliche Kosten zu generieren. In einem traditionellen Entwicklungsprozess fehlen den Ingenieuren die nötige Transparenz darüber, wie sicher ihr Produktdesign auf den Fertigungsprozess und die Fertigungslinie auswirken könnte.
  2. Den «richtigen» Partner / Lieferanten finden. Ein Standart-Lieferant kauft Rohmaterialien zu Marktpreisen ein und verkauft diese mit einem prozentualen Zuschlag an seine Kunden weiter. Durch diese Gegebenheiten ist man als Kunde direkt den schwankenden Rohmaterialpreisen ausgesetzt. Es gibt aber Partner / Lieferanten, die viel umfassender agieren und ein eigenes sogenanntes Rohmaterialpreise-Management betreiben. Ein Beispiel dazu wäre, dass die Partner / Lieferanten günstige Rohmaterialpreise für umfassende Einkäufe nutzen und so die Rohstoff-Verkaufskurse relativ stabil halten können.
  3. Derivatenbörse. Eine weitere Möglichkeit besteht in der direkten und aktiven Mitwirkung beim Terminmarkt für Rohstoffkurse. Unternehmen die direkt ein Konto bei einer Derivatenbörse halten, können die Rohstoff-Einkaufspreise über Optionen und Futures beeinflussen und so gegenüber Preissteigerungen absichern.